Die Sache mit dem Deutschsein

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Es ist Mitte September, Anspannung und Vorfreude steigen, der 3. Oktober rückt jeden Tag ein Stück näher. In mir brodelt eine unbändige Erwartungshaltung auf diesen einen Tag im Jahr, an dem wir alle zusammen kommen, um uns zu feiern, um uns auf das zu besinnen, was uns in unserer, über Generationen weiter getragenen, gemeinsamen Geschichte vereint, gespalten und wieder vereint hat. Und auf was wir alles stolz sein können, was wir alles gemeinsam erreicht haben im vergangenen Jahr. Der 3. Oktober – ein Tag, an den ich das ganze Jahr denke und auf den ich mich Wochen, ach was, Monate vorbereite. Denn jedes Jahr an diesem Tag feiern wir bei der Bayerischen Seglervereinigung in Utting am Ammersee den Saisonabschluss, das traditionelle Absegeln. 

Glücklicherweise hatte ich schon als Kind immer die Möglichkeit, an diesem Spektakel Teil zu nehmen. Irgend so ein Feiertag erlaubte es mir, anstatt in die Schule gehen zu müssen, den 3. Oktober gebührend zu feiern. Was für ein Feiertag das ist, war mir eigentlich immer ziemlich Banane. Es interessiert sich ja auch quasi niemand ernsthaft dafür, was genau es mit Maria Himmelfahrt oder dem Buß- und Bettag eigentlich auf sich hat. Man freut sich, dass man frei hat, und vermeidet unnötiges Hinterfragen. So geht es, wage ich zu behaupten, bestimmt auch einigen Menschen meiner Generation in diesem Land im Bezug auf den Tag der Deutschen Einheit.

Dabei bietet dieser Tag eigentlich einen sehr guten Anlass für tiefgründigere Reflexionen über die Geschichte Deutschlands, dem Platz und der Identität des Einzelnen innerhalb diesen Landes und der Bedeutung dieser Geschichte für uns, für mich. Ich, der als sogenannter „Gen Z“ weder eigene Erfahrungen mit dem Kalten Krieg und der Teilung Deutschlands gemacht hat, noch sich je ernsthafte Gedanken darum machen musste.

Denn Begriffe wie nationale Identität sind in Deutschland spätestens seit Auschwitz, allerspätestens seit Rostock Lichtenhagen und allerallerspätestens seit dem NSU und Pegida, verständlicherweise, mit einer großen historischen Last belegt. Seit 2015 wurden sie eigentlich vollständig von der Neuen Rechten für ihre ausländerfeindliche Agenda gekapert und dadurch für den öffentlichen Diskurs gänzlich Unbrauchbar gemacht. Manche gehen sogar so weit zu sagen, dass wer sich mit solchen Fragen beschäftigt, ohnehin von rechter Gesinnung befangen sein muss, und dies deswegen nur unter der Prämisse des Schönredens der eigenen Vergangenheit und der generellen Geschichtsvergessenheit tun kann. Das finde ich aber nicht. Ich finde, Ereignisse wie die deutsche Teilung, deren Ende am 3. Oktober eigentlich gefeiert wird, haben eine nationale Tragweite, die irgendwie jede und jeden, der damals und heute in Deutschland lebte und lebt, etwas angehen. Und die Fragen, die sich daraus im Bezug auf die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Menschen in Deutschland heute ergeben, auch. 

Hier bin ich also nun und denke im 21. Jahrhundert über meine deutsche Nationalität nach. Das klingt irgendwie archaisch, fast schon obsolet. Zu ewiggestrig klingen für mich Sätze wie „Man muss das deutsche Volk bewahren“, oder „Deutschland braucht wieder eine starke Leitkultur“. Genau genommen sind sie, vor dem eingangs erwähnten historischen Hintergrund, eigentlich als ziemlich empathielos und menschenverachtend anzusehen. Deswegen will ich in genau diese Richtung nicht denken. Das heißt für mich aber auf keinen Fall, dass der Nationsbegriff intrinsisch Schwachsinn sein muss. In der Schule habe ich gelernt, dass man unter einer Nation eine in geographischer Lage, Geschichte, Sprache, Konfession, Brauchtümern, Kultur und politischer Organisation vereinte Gruppe von Menschen zu verstehen hat. Am deutschen Nationalfeiertag, dem Tag der Deutschen Einheit, feiern wir, die deutsche Nation, also unsere Nation, also irgendwie uns selber. So weit, so überheblich. Aber aus wem genau besteht diese Nation? Was macht sie aus? Und feiern wir wirklich nur, alle in geographischer Lage, Geschichte, Sprache, Konfession, Brauchtümern, Kultur und politischer Organisation vereint zu sein?

Letzteres tun wir auf keinen Fall. Erstens, weil wir weder alle in geographischer Lage (unzählige deutsche Staatsbürger leben im Ausland), noch in der Sprache (Erzgebirge vs. Oberallgäu), und noch nicht Mal in der Konfession (BVB vs. FC Bayern) wirklich „vereint“ sind. Und zweitens geht es beim Tag der Deutschen Einheit um eine ganz andere Form der Einheit, nicht die der Homogenität einer Gruppe von Menschen, sondern die der gemeinsamen Erfahrung des nicht-Auseinandergerissenseins von Millionen von Familien und der Abwesenheit der ständigen Gefahr eines nuklearen Holocaust. Und diese Form der Einheit verdient es doch wohl, gefeiert zu werden.

Damit kommen wir einem zeitgemäßeren Nationsbegriff etwas näher. Dieser sollte nämlich nicht von der Ausgrenzung von Menschen mit der lächerlichen Begründung, dass ihre Haut anders aussieht, leben, sondern aus der Anerkennung der Existenz bestimmter Ereignisse, die sich irgendwie kollektiv auf alle Deutschen, ob jung oder alt, Erzgebirgler, Oberallgäuer oder in Nigeria geborene, auswirken. Zu diesen Ereignissen zählt der 3. Oktober, ebenso wie der 8. Mai oder das Jahr 1871. Denn, wenn wir alle einmal ehrlich sind, unsere heutige Lebensrealität sähe sehr, sehr anders aus, wäre es nie zu diesen definierenden Ereignissen der deutschen Geschichte gekommen. Die wichtige Erkenntnis allerdings liegt darin, ihre Ambivalenz, ihren Facettenreichtum und vor allem auch die schiere Menge an Leid, das direkt oder indirekt im Laufe der Geschichte dieses Landes in seinem Namen verursacht wurde, anzuerkennen, und wahrzunehmen, dass diese Ereignisse durch ihre historische Tragweite sich auch auf uns in der Gegenwart auswirken. Das geht uns doch alle etwas an, das macht das Deutschsein in unserem Leben doch relevant! Wir können angesichts dessen doch nicht allen Ernstes behaupten, wir wären keine Nation mit kollektiven Prägungen und einer gemeinsamen Verantwortung, aus der Erfahrung dieser Prägung eine Vision einer besseren Zukunft für alle heraus zu arbeiten. Genauso dürfen, ja, müssen wir uns doch auch am Jahrestag des Endes der deutschen Teilung auch für unsere Nation freuen, für die Familien, die gespalten waren, für die Kinder, die in Angst aufwachsen mussten, und für die Hoffnung auf einen Wind der Veränderung. 

Am Ende des Entstehungsprozesses dieses Textes wird mir bewusst, dass meine Haltung, ich hätte mit dem Staat, dem ich offiziell zugehörig bin, nichts am Hut, und mit Begriffen wie Volk oder Nation erst Recht nicht, ganz schön feige und ignorant war. Sie war der Versuch mir zu beweisen, dass ich mich so stark wie es geht von rechten Spinnern abgrenze. Aber ich kann mich und mein Leben nicht isoliert von der Geschichte dieses Landes betrachten. Das gilt für die Schrecken der NS-Zeit, genauso wie für die Freuden des Mauerfalls. Ich muss anerkennen, dass ich als Bürger dieser Nation ein Stück Verantwortung für seine Geschichte, seine Gegenwart und seine Zukunft trage. Und dafür muss ich mir meiner Zugehörigkeit zu diesem Staat, so schwer das manchmal ist, bewusst sein und dementsprechend handeln. 

Uns Deutschen hat unsere Nation diesbezüglich eine besondere Situation mit in die Wiege gelegt. Die Shoah und alle anderen Verbrechen der Nazis sind bis heute lebhafter Bestandteil dessen was es bedeutet, deutsch zu sein. Das sollte aber nicht zum Anlass genommen werden, sich vollkommen von der Geschichte des eigenen Landes loszusagen. Ferner sollten sie bei jeder Überlegung über das Wesen dieser Nation mitgedacht und in die Überlegung einbezogen werden, denn sie sind nunmal das definierende Ereignis unserer Geschichte. Auch deshalb sollten wir uns wehren gegen die, die eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik wollen, nicht nur weil diese Haltung ein Zeichen widerlicher Verachtung gegenüber den Opfern des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte ist, sondern darüber hinaus auch, weil es eine Verfälschung der Realität bedeuten würde. Diese Realität ist kompliziert, sie ist durchzogen von sehr unangenehmen Fakten, aber sich deswegen aus ihr zu flüchten, ist keine Lösung.